"Wahrheit ist ein derart schwieriges Problem, dass die meisten in ihr keines sehen."
Friedrich Dürrenmatt (1921-90)
Die Bedeutung des Wortes Rationalität scheint sich schon längst von seinem ganzheitlichen philosophischen Gebrauch gelöst und in den verschiedensten wissenschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten ausdifferenziert zu haben, die selbst die Gefahr in sich bergen, ihren je eigenen Geltungsbereich zu verabsolutieren und andere Rationalitäten zu verdecken. So mag etwa die traditionelle Diskussion einer philosophischen Rationalität weit entfernt von jener einer ökonomischen Rationalität sein, mag Rationalität in den Computerwissenschaften etwas völlig anderes bedeuten als in der Psychoanalyse.
Das stellt die Konzeption der einen Rationalität in Frage wodurch wir mit einem Pluralismus von Rationalitäten konfrontiert werden, wobei jede Rationalität einen eigenen Wahrheitsbegriff, der unvermittelt anderen Wahrheitsbegriffen gegenübersteht, impliziert und damit die eine Wahrheit unterläuft. Wären wir dann gezwungen die Wahrheit auf einen Gültigkeitsanspruch, der sich bloß als "wahr" in pragmatisch-funktioneller Hinsicht ausgibt, zu reduzieren? Oder ließe sich dem eine Theorie entgegenhalten, die den paradoxen Zustand absoluter Differenz und Widersprüchlichkeit in sich aufnimmt?
Doch was steckt hinter dieser oft als "neutral" ausgewiesenen Rationalität, welche Interessen, welche Akteure, welche sozial-historischen Strukturen, welche Herrschaftsapparate, kurz: Welche Bedingungen und Voraussetzungen hat Rationalität? Welche Feindbilder konstruiert sie, auf welche Ausschlussmechanismen ist sie angewiesen, um sich selbst glaubhaft konstituieren zu können? Wie und wofür wird Rationalität repräsentiert und instrumentalisiert? Ist, wie es der zeitgenössische Sprachgebrauch oft nahe legt, Rationalität dasselbe wie Vernunft? Welche Gefahren liegen in der einseitigen Dominanz zweckrationalen Denkens? In diesem Zusammenhang wäre gleichwohl zu fragen, ob Rationalität per se objektiv, neutral, interesselos sein kann? Welche - nicht nur philosophischen - Konzeptionen des Rationalen gibt es?
Ist die Kategorie der Rationalität auch auf andere Bereiche wie Religion, Kunst, Alltagssprache oder Mythos anwendbar? Auf wie viel Irrationalität beruht das, was wir heute als wahr akzeptieren? Und wie steht es mit der Rationalität der menschlichen Emotionen - schließt das eine das andere notwendig aus? Sind unsere Gefühle ein Teil oder gar Ursprung der Vernunft?
Inwieweit ist Rationalität in Sprache eingegossen und welche Funktion kommt dabei der Sprache selbst zu? Wie manifestiert und determiniert die Rationalität die soziale Praxis? Wie ist unser alltägliches Handeln in Rationalitätsstrukturen eingebettet und ist eine Emanzipation von dieser Alltagsrationalität überhaupt möglich, ohne in eine Irrationalität zu verfallen, die im Grunde in jene kritisierte Rationalität zurückfallen würde? Und schließlich: Wie kann Rationalität überhaupt noch glaubwürdig und konsistent kritisiert werden, wenn die Kritik gerade auf ebendieser Rationalität fußt?
Diese exemplarisch angeführten Fragen zeigen, dass die Diskussion über Rationalität heute nicht nur auf einen philosophischen Bereich beschränkt sein muss, sondern in jedem sozialen Teilsystem und in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen auf je eigene Weise von zentraler Relevanz sein kann, und dass es gerade deswegen vonnöten ist, die Bedeutungen und Bedingungen von Rationalität, ihre Macht und Ohnmacht, ihr Potential sowie ihre Gefahren kritisch und differenziert darzulegen.
Einer solchen tiefer gehenden Erörterung ist das Symposium der 2. philosophischen akademie gewidmet. Das Problem der Rationalität sowie deren gegenwärtige Stellung in der pluralistischen Gesellschaft sollte dabei aus unterschiedlichen Perspektiven und von VertreterInnen verschiedenster Disziplinen thematisiert und analysiert werden.