last update 17.05.05


 

Das Symposion „Rationalität – Placebo der Wahrheit“ will versuchen, den Bereich der Rationalität aus einem philosophisch-kulturwissenschaftlichen Blickwinkel zu erkunden. Hier sollen nun in einer groben Skizzierung verschiedene mögliche Perspektiven aufgezeigt werden.

Perspektiven zu Rationalität



Interdisziplinärer Zugang

Der philosophische Zugang zu diesem Thema ist offensichtlich. Jedoch sind, durch die Allgegenwärtigkeit von Rationalität in allen Wissenschafts- und Gesellschaftsbereichen, Zugänge anderer Disziplinen unverzichtbar und essentiell für eine differenzierte Herangehensweise.

•  Wo steht die Gegenwartsphilosophie im Kontext der Rationalitätsdebatte? Welche Positionen stellen sich wie gegen Scheinrationalität, Logozentrismus oder einer Praxis verflachter, instrumenteller Vernunft, und welcher Kritik sind diese Positionen selbst ausgesetzt?

•  Welche Konzepte der Tradition würden sich hier einordnen lassen, und wie ließen sich diese in die Gegenwart transponieren?

•  Welche Theorien oder konkrete Untersuchungen könnten hier aus Soziologie, Geschichts-, Politik-, Literatur- oder Sprachwissenschaft einfließen?

  

Thematischer Zugang


Rationalität und Gender

Sex versus gender und Rationalität versus Emotionalität? Wenn wir von gegebenen biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau ausgehen, könnte dann die Rationalität des Weiblichen gleichzeitig auch die Rationalität des Männlichen sein? Wie würden sich spezifisch männlich-weibliche Beziehungen gestalten, wenn wir den   radikal feministischen Aspekt, welcher die Differenzen der Geschlechter negiert, in unser Fühlen, Denken und Handeln miteinbeziehen? Welchen Sinn hätten Emanzipationsdebatten und –diskurse, verbunden mit dem bei weitem noch nicht durchgesetzten Anspruch auf Gleichberechtigung hinsichtlich der Geschlechter, gehabt, wenn sich Mann und Frau in denselben Rationalitäten verortet hätten? Wie würde es sich erklären lassen, dass es weibliche Rationalitäten im öffentlichen Leben kaum gegeben hat? Wie verhalten sich etwa die männlichen Rationalitäten zu den weiblichen und wo bleibt bei der Betonung der Rationalitäten der Raum für Emotionalitäten und/oder Sexualität? Auf welchen Ebenen kann sich das Denken respektive das Fühlen einer Frau bewegen und auf welchen das des Mannes? Wenn es sich auf verschiedenen Ebenen abspielt, welche Konsequenzen kann dies für beiderlei Geschlechter haben und wie nehmen wir im Alltag die männlich-weiblichen Unterschiede war?

 

Ökonomische Rationalität

Der Begriff der Rationalität ist heute für nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche relevant. Das liegt wohl zu einem Gutteil darin, dass inzwischen die meisten Lebensbereiche des Menschen im Zeichen einer ökonomischen Optimierung rationalisiert und zum Zweck der kapitalistischen Akkumulationslogik instrumentalisiert werden.

 

Sprachphilosophische Bedeutung

Der gesellschaftlichen Omnipräsenz von Rationalität entspricht auch ein allgemeiner Wandel im zeitgenössischen Sprachgebrauch, insofern der „moderne“ Begriff der Rationalität, der auf die zweckmäßige Instrumentalisierung eines Vermögens im Dienste der Funktionalität eines Systems zielt, den „klassischen“ Vernunftbegriff weitgehend abgelöst hat, welcher auf ein grundsätzliches Reflexionsvermögen verweist, das vorsätzlich keinem bestimmten Zweck unterstellt ist. Und selbst dort, wo man heute noch explizit von Vernunft spricht, darf in den meisten Fällen unterstellt werden, dass man damit eigentlich Rationalität meint.

Welche Gründe und Konsequenzen kann diese Sprachverschiebung haben? Überhaupt: Inwieweit ist Rationalität in Sprache eingegossen und welche Funktion kommt dabei der Sprache zu?

 

Rationalität als hegemonialer Diskurs

Die gesellschaftliche wie sprachliche Bedeutungsverschiebung von Rationalität kann zugleich als Symptom dafür gelesen werden, dass gegenwärtig eine bestimmte Form von Diskursivität überhand genommen hat, welche das zweckrationale Denkvermögen über alle anderen Formen von sozialer Rationalität (wie Alltagssprache, Glaube, Kunst, Mythos) stellt. Es ist dies die Form und die Hegemonie des kognitiven Diskurses, mit der jede andersartige Denk- und Lebensweise als irrational abgeurteilt oder aber dem als Ideal vorgeschlagene Konsensmodell unterworfen wird.

Was wäre die Alternative zur oben skizzierten dominanten Rationalität und was die Bedingungen ihrer Möglichkeit? Und wie kann Rationalität noch glaubwürdig und konsistent kritisiert werden, wenn die Kritik gerade auf ebendieser Rationalität fußt (Problem der Selbstreferenz)?

 

Folgen und Gefahren einer dominanten Rationalität

Nimmt ein bestimmter Rationalitätstyp im öffentlichen Diskurs überhand, so ist nicht selten als Konsequenz daraus eine Form von kultureller Gewalt zu beobachten – kulturelle Gewalt als Ausdruck eines uniformierenden und repressiven Rationalismus, der sich sowohl auf die Autorität wissenschaftlicher Erkenntnis als auch auf die Legitimität bestehender Machtverhältnisse stützen kann.

 

Berufsethos als Rationalitätsmaßstab

In der gegenwärtigen Phase des kapitalistischen Systems haben sich Schlagwörter wie Flexibilität, Innovation, Kreativität, Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit oder Expansion zu oftmals unhinterfragten Glaubensformeln etabliert. Mit ihnen geht eine bestimmte Verhaltens- und Wahrnehmungscodierung der Subjekte einher, die zumeist mit Rückbezug auf „rationales Handeln“ eingefordert wird. Diese umfassende Normierung der Gesellschaft erfolgt jedoch nicht bloß einseitig, also etwa von staatlichen und unternehmerischen Institutionen und deren jeweiligen Disziplinierungs- und Kontrolltechniken, sondern auch von der anderen Seite: durch die Subjekte selbst, durch Subjektivierung, Selbstführung und moderne Techniken des Selbst.

 

Rationalität des Fortschrittes – Dominanz eines spezifischen Zeitmodells

Fortschritt wird heute als natürlich betrachtet. Nicht bloß deskriptiv, sondern auch normativ. Nur über ihn, so hören wir immer wieder im öffentlichen Diskurs, könnten Ziele wie Wachstum und Wohlstand sowie Freiheit und Sicherheit erreicht werden. Diese allgemein gehaltenen Ziele werden jedoch stets aufs Neue in eine uneinholbare Zukunft verlegt, um daraus die Legitimation zur unumschränkten Rationalisierung der Gegenwart zu ziehen. Je intensiver Gegenwart rationalisiert wird, desto besser kann Zukunft neutralisiert (Ziel: Sicherheit), operationalisiert (Ziel: Wachstum) und programmiert (Ziel: Wohlstand) werden. Und was im Gegenzug noch nicht rationalisiert, noch nicht normiert ist, muss zuallererst einmal rationalisier bar , normier bar gemacht werden. Anders ausgedrückt: Was der Aufklärung die Vernunft im Dienste der Freiheit des Menschen war, das ist den heutigen Gesellschaften die Rationalität im Dienste ihrer bestmöglichen Funktionalität zur Erreichung von Wachstum und Wohlstand.

 

Verändertes Wahrheitskriterium

Wahrheit ist in einem von ökonomischer Rationalität geprägten Diskurs nur mehr abgeleitet und abhängig denkbar, insofern sich das Kriterium der Wahrheitssuche verschoben hat: Wahr ist, was effizient ist! Die Suche nach Wahrheit erfolgt nicht mehr in erkenntnistheoretischer Absicht, sondern in ökonomisch-systemischer. Damit hat sich aber auch die Natur des wissenschaftlichen Wissens verändert, da es als Produktivkraft nur mehr dann sinn voll ist, wenn es ökonomisch wert voll ist.

 

Rationalität als soziales Konstrukt

Das dominante Verständnis von „Rationalität“ zirkuliert heute nicht mehr als Vorstellung oder Ideologie, sondern als Selbstverständlichkeit und Unausweichlichkeit quer durch Institutionen, Regierungen, Intellektuellenkreise, Parteien und Medien. Und selbst wenn die Kriterien dieser Rationalität nicht in expliziten Wahrheitsbegriffen festgelegt werden – wer spricht heute schon noch gerne von „der Wahrheit“? –, so sind sie doch mit einem Gültigkeitsanspruch belegt, der sich als ausweglos notwendig, als „wahr“ in technisch-pragmatischer Hinsicht ausgibt. Wer aber steht hinter dieser angeblich „neutralen“ Rationalität, welche Interessen, welche Akteure, welche sozial-historische Strukturen, welche Herrschaftsapparate? Wie und wofür wird Rationalität dabei repräsentiert und instrumentalisiert? Kann Rationalität per se objektiv, neutral, interesselos sein?

 

Rationalität und Emotion

Wie steht es um das Verhältnis zwischen Rationalität und Emotion? Haben uns nicht die Lebensphilosophie und zuletzt die Psychoanalyse auf die verborgenen Erkenntnisquellen, die in den menschlichen Gefühlen liegen, aufmerksam gemacht? Sind unsere Gefühle ein Teil der Vernunft oder vielleicht sogar deren Basis? Sind Vernunft und Gefühl diametrale Gegensätze, oder lassen sie sich auf irgendeine Weise vereinen? Sind Geisteswissenschaften und auch die Kunst nichts als Gefühlsduselei?

 

Probleme der Dekonstruktion von Rationalität

Folgende Fragen könnten in einer differenzierten Besichtigung der Rationalitäts- und Vernunftkritik gestellt werden:

•  Wie positioniert sich solche Kritik gegen einen „Irrationalismusvorwurf“ oder gegen den anti-skeptischen Angriff des selbstperformativen Widerspruchs?

•  Wo bleibt das Subjekt, wenn es sich (1) (post-)strukturalistisch oder analytisch-szientistisch verflüchtigt und (2) es in einer postmodernen Transformation als hybride Konstruktion entlarvt wird und durch die Aufsprengung der Bipolarität von Natur/Kultur oder Mensch/Maschine seinen Ort verliert?

•  Wie ist mit und nach der Kritik von repressiver Rationalität eine emanzipative Praxis möglich?

 

 

 

Kurze Geschichte der Rationalität

Der Weg, den die Vernunft und der Diskurs über selbige, bis heute ging, war ein durch viele Fortschritte, aber auch Rückschritte sowie durch Zäsuren geprägter. So entwickelten sich in unterschiedlichen historischen Epochen, die ihrerseits jeweils als Prozess zu betrachten sind, auch immer wieder unterschiedliche Menschenbilder, die gleichzeitig mit den jeweiligen Begriffen der Rationalität verwachsen waren. Lag der Schwerpunkt der Rationalität in der Antike, die ausschließlich eine maskuline Rationalität war, vor allem in einer praktischen Ausrichtung, welche wiederum keinen Rückgriff auf die mythische Götterwelt zuließ, so gestaltete sich hingegen das mittelalterliche Menschenbild, ergo das Rationale, immer als untrennbar mit der göttlichen Schöpfungsordnung verbunden. Die frühe Neuzeit respektive die Renaissance, die immer auch als so genannte Schwellenzeit bezeichnet wird, eröffnete aber, unter anderem durch die langsame aber dennoch stetige Trennung von Kirche und Staat, immer mehr Raum für eine andere Art, Rationalität zu denken. Mit der neuzeitlichen Rationalität setzte durch naturwissenschaftliche Entdeckungen ein Paradigmenwechsel ein, der bis heute seine Wirkung nicht verloren hat. Zur Zeit der Aufklärung kulminierte dann der Begriff der Vernunft, sodass der Mensch durch sie das höchste Erkenntnisvermögen erlangte. Der Mensch also, der Kraft seiner Vernunft in der Lage ist, alles derselben zu unterziehen. Die als „Erste Moderne“ bezeichnete Epoche brachte, vor allem durch die Betonung des Individuellen, der Subjektivität, des Liberalismus und der Vielfalt, völlig neue Konzeptionen der Rationalitäten hervor. Die „Zweite Moderne“ respektive die Postmoderne, wie auch immer sie verstanden werden mag, antwortet de-konstruktivistisch auf Problematiken, die unter anderem durch die Auffassung des Rationalen während der ersten Moderne entstanden sind.

 

 

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